Ecophon-Symposium in Rethem
Ganzheitliche Architektur zum Nutzen
des Menschen
Lübeck, Oktober 2007.
Wie sollen öffentlich und gewerblich genutzte Räume gestaltet sein, damit sich vor allem die darin arbeitenden Menschen wohl fühlen? Um diese zentrale Frage drehten sich die Beiträge auf einem Symposium zum Thema „For the eye, the ear and the mind – ganzheitliche Architektur im Nordwesten“, das am 12. Oktober 2007 im Burghof des niedersächsischen Rethem stattfand. Fünf Referenten, darunter auch Arne Dunker, Geschäftsführer der Betreiberfirma des Bremerhavener Klimahauses, stellten circa 60 geladenen Architekten Projekte vor, bei denen der Nutzer des gestalteten Raums im Mittelpunkt steht.Den größten Teil seiner Lebenszeit verbringt der Mensch in geschlossenen Räumen. Grund genug für Wissenschaftler, Architekten, Planer und Betreiber darüber nachzudenken, wie Innenräume zu gestalten sind, damit der darin arbeitende Mensch sich wohl fühlt und seine Leistung gefördert wird. In den Rethemer Vorträgen ging es vor allem um die Konzeption von Schulgebäuden, Großraumbüros und Veranstaltungsorten. Die Quintessenz aller Referate bestand in der Auffassung, dass sich die Gestaltung von Räumen ganz eng an den Bedürfnissen der Menschen orientieren muss, die sich darin befinden.
Weniger Lärm in Schulen durch pädagogische
und bauliche MaßnahmenBevor jedoch Maßnahmen getroffen werden können, die das
Wohlbefinden von Personen in geschlossenen Räumen verbessern, muss zunächst
einmal der Status Quo ermittelt werden. Welche Faktoren bestimmen das
Arbeitsumfeld und welchen Einfluss üben sie auf das Wohlergehen des Menschen
aus? Gerhart Tiesler, Leiter des Instituts für interdisziplinäre
Schulforschung der Universität Bremen, stellte dazu ein Forschungsprojekt zum
Thema „Ergonomie der Schule“ vor. Es wurde im Auftrag der Bundesanstalt für
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in insgesamt fünf Schulen (vier Primar-
und eine Sekundarstufe 1) durchgeführt. Dabei zeichneten die Forscher für rund
600 Unterrichtsstunden Schallpegelverläufe auf und analysierten sie. Außerdem
wurden die raumakustischen Eigenschaften von insgesamt 30 Klassenräumen
ermittelt. Die Ergebnisse waren alarmierend. Kein Unterrichtsraum erfüllte die
von der DIN 18041 geforderten raumakustischen Eigenschaften. Dass sich der Lärm
negativ auf den menschlichen Organismus auswirkt, zeigten Pulsmessungen beim
Lehrpersonal. Stieg der Schallpegel an, erhöhte sich auch die Pulsfrequenz.
Langfristige Folgen dieser Stresserfahrung sind vor allem Herzkrankheiten.
Pädagogik und Bauphysik wurden als die beiden maßgeblichen Faktoren
identifiziert, die auf die Arbeitsbedingungen einwirken. Um ihren Einfluss
nachzuweisen, führten die Wissenschaftler in beiden Bereichen Änderungen durch
und erhoben daraufhin erneut Messungen. So wurde in den Klassen beispielsweise
der Arbeitsgeräuschpegel während unterschiedlicher Unterrichtsformen erfasst.
Vor der Sanierung zeichneten die Messgeräte bei Frontalunterricht eine
geringere Lärmbelastung auf als bei Gruppenarbeit. Nach der Sanierung mittels
höchstabsorbierender Akustikdecken sank der Arbeitsgeräuschpegel bei
Frontalunterricht um drei dB, bei der schülerzentrierten Methode sogar um mehr
als 13 dB. Die Werte bei der Gruppenarbeit lagen nun unter dem Geräuschpegel
des Frontalunterrichts. Dieser Unterschied erklärt sich vor allem dadurch, dass
sich die Schüler bei einer besseren Raumakustik in der Gruppenarbeit nicht mehr
durch lautes Reden oder gar Schreien bemerkbar machen müssen. Eine gedämpfte
Stimme reicht aus, damit sich die Partner in der Gruppenarbeit verständigen
können.
Im Durchschnitt verringerte sich die Nachhallzeit und damit der
Arbeitsgeräuschpegel durch das Montieren von Akustikdecken unabhängig von der
Unterrichtsform um sechs Dezibel. Auch der Stress der unterrichtenden Lehrer
nahm nach der Sanierung wieder ab. Durchschnittlich sank ihr Puls um immerhin 15
Schläge pro Minute. Damit ergibt sich für Gerhart Tiesler eine klare
Wirkungskette: „Eine verbesserte Raumakustik sorgt für bessere und ruhigere
Kommunikation, die den Arbeitsgeräuschpegel sinken lässt. Das erfordert eine
geringere Sprechanstrengung, weniger Stress und damit humanere
Arbeitsbedingungen.“
Um eine Verbesserung der Arbeitsatmosphäre ging es
auch bei der Sanierung der Körnerschule in Bremerhaven zur
Astrid-Lindgren-Schule. Der projektleitende Diplom-Ingenieur und Architekt Carsten
Block von Seestadt Immobilien berichtete darüber, mit welchen Maßnahmen
Probleme bei der Orientierung im Gebäude, den räumlichen Strukturen und der
Raumakustik beseitigt wurden. Unter anderem entwickelten die Planer ein
Farbkonzept, das die Schüler übersichtlich durch das Gebäude leitet, und
richteten zur Steigerung der Identifikation mit den Räumlichkeiten
Gruppenbereiche ein. Außerdem erreichten sie durch den Einbau von Akustikdecken
in Klassenzimmern, Fluren und Treppenhäusern, dass die Maximalwerte der
Lärmbelastung nach DIN 18041 eingehalten werden. Das gelang vor allem in den
Fluren eindrucksvoll, wo sich Nachhallzeiten von vormals vier bis fünf Sekunden
nach der Sanierung auf circa eine Sekunde reduzierten.
Klimahaus Bremerhaven: Wahrzeichenarchitektur
innen und außen„Net’n Nest“: Das Konzept vom humanen Büro
Das Stichwort „Innenleben“ nahmen dann zwei
Referentinnen auf, die sich mit Raumkonzepten für Büros beschäftigen. Birgit
Fuchs und Pirjo Kiefer, beide Mitarbeiterinnen der Vitra GmbH, einem Hersteller
designorientierter Büromöbel, erläuterten ihre Idee vom „humanen Büro“. Birgit
Fuchs leitet bei Vitra den Fachbereich Ergonomie und legte unter anderem die
Grundbedürfnisse dar, von denen der Mensch in geschlossenen Räumen bestimmt
wird. Es gelte, das eigene Territorium zu schützen und für ein gewisses Maß
an Privatheit zu sorgen. Diesen beiden Anliegen würden die heutigen
Großraumbüros allerdings nur bedingt gerecht. Viele von ihnen böten den
Mitarbeitern keine Rückzugsmöglichkeiten und erschwerten durch ihre
Ausstattung die Konzentration. Beides beeinträchtige die Leistungsfähigkeit in
hohem Maße.
Auf welche Weise Vitra dieser Tendenz entgegen wirken will, machte
Innenarchitektin Pirjo Kiefer deutlich. Für sie sind Farben, Beleuchtung
und Möbel wichtige Instrumente, um das Wohlbefinden der in Großraumbüros
arbeitenden Menschen zu erhöhen. Während an vielen Arbeitsstätten immer noch
Grau- und Weißtöne dominieren, setzt sie auf abwechslungsreichere Farbwelten
bei Inventar und Wänden, um die Stimmung aufzulockern. Das Großraumbüro wird
in einzelne Zonen aufgeteilt, in denen sowohl Ruhe zu finden als auch
Kommunikation und Informationsaustausch möglich ist. Rückzugsbereiche lassen
sich mit mobilen Trennwänden ausstatten, Podeste markieren Territorien. Sofas
mit Abschirmung ermöglichen ruhige Kommunikation zwischen Mitarbeitern, die
sich zum Gespräch ohne Störung von außen zurückziehen wollen. Auch die
Beleuchtung wird als Mittel eingesetzt, um verschiedenen Bürobereiche zu
kennzeichnen. Während der Arbeitsplatz mit direktem Licht versorgt wird,
herrscht in Treffpunktzonen atmosphärische indirekte Beleuchtung. Ein weiterer
wichtiger Aspekt ist die Geräuschreduzierung, damit die Akustik in großen
Räumen mit vielen Menschen verbessert und die Konzentration gefördert wird.
Hier arbeitet die Innenarchitektin unter anderem mit abgehängten Akustikdecken
der Absorptionsklasse A.
Unternehmen, die diese Art von Büroarchitektur in ihren Räumen umsetzen
wollen, müssen allerdings bei ihren Mitarbeitern häufig intensive
Überzeugungsarbeit leisten. „Ein leitender Angestellter, der auf sein Büro
verzichten soll, tut sich damit meistens schwer. Das liegt vor allem daran, dass
das eigene Büro für viele ein Statussymbol darstellt und der Übergang zum
Großraumbüro als Verlust und Abwertung empfunden wird“, weiß Pirjo Kiefer.
Ist der Schritt aber vollzogen, gibt es meist nur positive Rückmeldungen. Viele
Mitarbeiter empfänden die räumliche Umstrukturierung als gelungene Mischung
aus beibehaltener Privatsphäre und verbesserter Kommunikation. Gerade vom
regeren Informationsaustausch würden viele profitieren, weil sie schneller
über Neuigkeiten im Bilde sind und das eben Erfahrene rascher in ihrem
Aufgabenbereich umsetzen können. Vitra nennt das Prinzip dahinter „Net’n
Nest“, also die Anbindung an die Kommunikation im Büro mit der gleichzeitigen
Möglichkeit, sich Privatsphäre zu bewahren.
Fazit
Dem veranstaltenden Unternehmen Ecophon ist es mit
dem Symposium in Rethem gelungen, Projekte aus ganz unterschiedlichen Bereichen
unter dem Dach einer einheitlichen Betrachtungsweise zusammen zu führen. Egal,
ob Bildungsstätten, Büroräume oder Veranstaltungs- und Freizeitanlagen: Die
Vortragsreihe verdeutlichte, dass Innenraumgestaltung sich an den Bedürfnissen
der jeweiligen Nutzer orientieren sollte. Sie leistet dadurch einen nicht zu
unterschätzenden Beitrag in punkto Wohlbefinden, Gesundheit und
Leistungskapazität derjenigen, die in den Räumen leben und arbeiten. Wird das
nutzerorientierte Konzept konsequent verfolgt, füllt sich die oftmals leere
Worthülse vom Menschen, der im Mittelpunkt steht, mit Inhalt. Auf Dauer kann es
sich jedenfalls keine Gesellschaft leisten, mit auf sich selbst bezogener
Architektur an den Erfordernissen der Arbeitswelt und der in ihr agierenden
Menschen vorbei zu planen.
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| Im
Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema „Ergonomie der Schule“ wurde
durch das Institut für interdisziplinäre Schulforschung der Universität
Bremen unter anderem festgestellt, dass sich die Nachhallzeiten, die
großen Einfluss auf die akustische Qualität ausüben, nach der Sanierung
reduziert haben. Foto: Universität Bremen / Institut für interdisziplinäre Schulforschung Abdruck frei, Beleg erbeten |
Nach
der Sanierung der Raumakustik fiel der Arbeitsgeräuschpegel bei der
vormals lauteren Unterrichtsform der Gruppenarbeit um 13 dB zurück. Die
bessere Akustik macht differenzierte Arbeitsformen möglich und angenehm.
Foto: Universität Bremen / Institut für interdisziplinäre Schulforschung Abdruck frei, Beleg erbeten |
Bei der Sanierung
der Astrid-Lindgren-Schule in Bremerhaven konnten durch den Einsatz von
Akustikdecken die Nachhallzeiten in den Fluren stark verringert werden. Foto: Seestadt Immobilien Abdruck frei, Beleg erbeten |
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| Das Klimahaus
Bremerhaven 8° Ost: eine gelungene Mischung aus eindrucksvoller
Außenarchitektur und überzeugendem Innenraumkonzept. Foto: Klimahaus Bremerhaven 8° Ost / Petri & Tiemann Abdruck frei, Beleg erbeten |
Die
Vitra GmbH will durch den zielgerichteten Einsatz von Beleuchtung, Farben
und Möbeln das „humane Büro“ schaffen. Foto: Vitra GmbH Abdruck frei, Beleg erbeten |
Spannende Beiträge
zum Thema „For the eye, the ear and the mind – ganzheitliche
Architektur im Nordwesten“ lieferten die Referenten Gerhart Tiesler,
Birgit Fuchs, Pirjo Kiefer, Arne Dunker und Carsten Block (von links). Foto: Ecophon Abdruck frei, Beleg erbeten |